01 Was ist Schweissarbeit?

Schweissarbeit ist die jagdliche Königsdisziplin der Riemenarbeit: Der Hund folgt der Wundfährte eines beschossenen Stücks Schalenwild — über Stunden, durch Verleitungen, oft erst am nächsten Morgen. Sie ist nicht nur Sport. Sie ist die ethische Verpflichtung jedes Jägers, ein angeschweisstes Stück zu finden und von seinem Leiden zu erlösen.

Wer einen Hund auf der Schweissfährte führen will, braucht beides: einen geeigneten Hund mit ruhiger, willensstarker Veranlagung — und ein systematisches Ausbildungsfundament, das Jahre dauert. Es gibt keine Abkürzung. Es gibt aber bessere Werkzeuge, deinen Fortschritt sichtbar zu machen.

02 Voraussetzungen

Schweissarbeit setzt einen bestandenen Wesenstest und Grundgehorsam voraus. Der Hund muss am langen Riemen ruhig führbar sein, Schussfestigkeit zeigen und im Schussbereich des Führers bleiben können. Rassenseitig gilt der Hannoversche Schweisshund und der Bayerische Gebirgsschweisshund als Spezialist; geprüft und zugelassen sind aber alle vom JGHV anerkannten Vorsteh- und Stöberhunde mit Anlagen für die Riemenarbeit.

Du brauchst ein Übungsrevier mit Erlaubnis des Jagdausübungsberechtigten, Schweiss vom Schalenwild (in der Praxis Rinder- oder Schweineblut aus dem Schlachthof als Notbehelf — für die Prüfung ist Schalenwildschweiss vorgeschrieben), und Geduld. Sehr viel Geduld.

03 Material — was du wirklich brauchst

  • Schweissriemen: mindestens 8 m, in der Prüfung 10 m üblich. Ökologisch gegerbtes Fettleder mit Handschlaufe und seitlicher Schnalle; BioThane als wetterfeste Alternative.
  • Schweisshalsband: breit geschnitten, helle Farbe (Naturleder oder Signalorange) für die Sichtbarkeit im Dickicht. Sicherheits-Breakaway-Varianten setzen sich durch.
  • Pirschstock mit Schwamm (5 × 5 cm) für die Tupfmethode; Tropfflasche aus einer 0,5-l-PET-Flasche mit Loch im Verschluss für die Tropfmethode; Wundfährtenschuh aus Aluminium für die Tretmethode mit Originalklaue.
  • Spurkreuze und Pirschzeichen (Schnitthaar, Knochensplitter, Lungenstücke) zum Anlegen von Anschuss und Wundbetten.
  • Bringsel aus Leder oder Geweihstück (10–15 cm) am Halsband befestigt, falls du Bringselverweiser ausbildest.
  • GPS-Aufzeichnung der Referenzfährte — bis vor wenigen Jahren ein Nice-to-have, heute Standard im seriösen Trainingsbetrieb.
TrailDog
TrailDog im Material

Statt zusätzlicher GPS-Logger nutzt du dein Smartphone als Referenzaufzeichnung. Du legst die Fährte und drückst „Aufzeichnen" — TrailDog speichert sie als Referenztrack mit Markern für jedes Wundbett, jeden Haken und den Anschuss.

04 Die sechs Trainingsphasen

Es gibt keine vom JGHV offiziell normierte Phasenstruktur. Die folgende Progression ist aus Borngräbers Die Schweißarbeit, Krewer/Reinerts Der Hannoversche Schweißhund und der Praxis der Vereinsschulen synthetisiert. Sie ist eine Orientierung, kein Drehbuch — die Geschwindigkeit bestimmt der Hund.

PHASE 01

Spielspur

8.–16. Lebenswoche · spielerisch, kurz, fröhlich
Länge
10–80 m
Stehzeit
0–30 min
Schweiss
wenige ml
Haken
0
Verleitung
keine

Ziel ist eine positive Spurverknüpfung: Nase tief, Belohnung am Ende — ein Stück Wildfleisch, das der Welpe „erjagt". Tupfmethode mit Schwammstock, jeden zweiten Schritt. Keine Korrekturen, keine Komplikationen, keine langen Spannungsbögen. Der Welpe darf hier scheitern, kurz pausieren, neu ansetzen.

Schalte TrailDog auf Aufzeichnen, bevor du die Fährte legst. Du speicherst sie als Referenz und sparst dir die Spurkreuze für später — bei diesen Längen sieht man die eigene Spur ohnehin oft nicht wieder.
PHASE 02

Junghund-Übungsfährte

4.–9. Monat · erste echte Riemenarbeit
Länge
150–400 m
Stehzeit
1–4 h
Schweiss
50–100 ml
Haken
1–2 stumpfwinklig
Wundbetten
1

Jetzt kommt der Riemen ins Spiel. Der Hund führt — du folgst. Erste Haken werden stumpfwinklig angelegt, damit der Junghund die Wendung selbständig findet und Erfolgserlebnisse häuft. Das Wundbett ist mit etwas Schnitthaar und einem Knochensplitter ausgestaltet; das Stück am Ende ist die einzige Belohnung, die zählt.

Markiere beim Legen jeden Haken und das Wundbett mit einem TrailDog-Pin. Nach der Ausarbeitung siehst du auf der Karte exakt, wo dein Hund die Wendung schaffte — und wo er überlief, kurz zurückkam und doch noch ansetzte.
PHASE 03

Tagesfährte mit Komplikationen

9.–18. Monat · realistische Anforderungen
Länge
400–600 m
Stehzeit
4–12 h
Schweiss
100–150 ml
Haken
2–3, davon 1 rechtwinklig
Wundbetten
2

Erste rechtwinklige Haken, erste Verweiserpunkte (Pirschzeichen) entlang der Fährte. Du wechselst optional von der Tupfmethode zum Wundfährtenschuh — die Tretmethode kommt der echten Wundfährte am nächsten und bereitet auf die VFsP vor. Ein einzelner alter Wildwechsel darf jetzt im Übungsrevier liegen; eine bewusst gelegte Verleitfährte noch nicht.

Lege drei Fährten mit unterschiedlichen Stehzeiten (4 h, 8 h, 12 h) und vergleiche die Korridor-Compliance über die Tage. Ein guter Hund verliert in dieser Phase kaum Punkte — schwankt er stark, ist nicht der Hund das Problem, sondern entweder das Revier oder die Fährtenlegung.

PHASE 04

Übernachtfährte

ab 15. Monat · Verweisermethode festlegen
Länge
600–1000 m
Stehzeit
14–24 h
Schweiss
200–250 ml
Haken
3, davon 1 rechtwinklig
Wundbetten
2
Verweiserpunkte
3–6

Jetzt zählt der Hund auf den Bodengeruch alter Schweissmoleküle, nicht mehr auf frische Witterung. Du entscheidest dich für eine Verweisermethode (siehe unten) und ziehst sie konsequent durch — wechseln verwirrt den Hund. Frische Schalenwildverleitung darf gelegt werden; ein guter Hund hebt kurz an, bleibt aber auf der Schweissfährte.

Übernachte Fährten sind teuer — Material, Revier, Zeit. Notiere in TrailDog Wetter, Bodenfeuchte und Wind in den Marker-Notizen. Über zehn Fährten erkennst du Muster: dein Hund arbeitet bei trockenem Wind unter 5 km/h am sichersten.
PHASE 05

Prüfungsfährte 20 Stunden

ab 24. Monat · Mindestalter VSwP
Länge
1000 m
Stehzeit
20 h
Schweiss
250 ml (¼ L)
Haken
3
Wundbetten
2

Dies sind die exakten Daten der Verbandsschweissprüfung (VSwP) nach JGHV-PO 2015. Voraussetzung neben dem Mindestalter sind Nachweise der Schussfestigkeit und des lauten Jagens. Die Fährte wird im Wald mit wechselndem Bewuchs gelegt, max. 100 m Wiese oder Feld nach dem Anschuss. Schalenwild-Verleitfährten müssen im Prüfungsrevier real vorhanden sein.

Trainiere die letzten drei Übungsfährten vor der Prüfung exakt nach diesen Massen — gleiche Schweissmenge, gleiche Methode, gleicher Riemen, gleicher Ablauf am Stück. Das ist keine Sportlogik, das ist Ritualgewöhnung. Der Hund kennt jeden Schritt deines Verhaltens.

PHASE 06

40-Stunden-Fährte

nach bestandener 20h-Fährte · Königsklasse
Länge
1000 m
Stehzeit
40 h (2 Nächte)
Schweiss
250 ml
Haken
3
Wundbetten
2

Identische Streckendaten zur 20h-Prüfung, aber zwei Nächte Stehzeit. Das ist der reale Ernstfall vieler Nachsuchen — am Vorabend angeschossen, am Abend gefunden, am übernächsten Morgen ausgearbeitet. Die Anmeldung ist erst nach bestandener 20h-Prüfung möglich.

05 Verweiserarten — drei Wege zum Stück

Auf VSwP und VFsP sind drei Verweisermethoden gleichwertig zugelassen. Welche zu deinem Hund passt, entscheidet seine Veranlagung — nicht deine Vorliebe.

Riemenarbeit

Der Klassiker. Du folgst dem Hund am 10 m langen Schweissriemen bis zum Stück. Bewertet werden Spursicherheit, Ruhe am Riemen, Verhalten an Wundbetten. Niedrigster Trainingsaufwand, höchste Prüfungsobjektivität — du siehst und steuerst alles.

Totverbeller

Der Hund findet das Stück, bleibt dort und verbellt es laut, bis du eintriffst. Verlangt Standlauttreue und hohe Eigenständigkeit. Für Hunde mit natürlichem Stehlaut — nicht zu erzwingen.

Bringselverweiser

Der Hund nimmt am Stück das ihm umgehängte Bringsel ins Maul und kommt damit zum Führer zurück; dieser lässt sich dann zum Stück führen. Komplexes Verhalten, aber mit konsequentem Aufbau auch ohne natürliche Standlaut-Anlagen erreichbar.

06 Prüfungen im Vergleich

Welche Prüfung du anstrebst, hängt vom Bundesland, Verein und Einsatzzweck ab. Eine Übersicht der wichtigsten Schweiss-Prüfungen für Hund und Führer in der DACH-Region:

Prüfung Länge Stehzeit Schweiss Haken Mindestalter
VSwP 20h · JGHV-Bund 1000 m 20 h 250 ml 3 24 Mon.
VSwP 40h · JGHV-Bund 1000 m 40 h 250 ml 3 nach 20h
VFsP · Wundfährtenschuh 1000 m 20 h (Schuh) 3 24 Mon.
Bayern QBPO 2023 Modul B 1000 m 20 h 250 ml * 3 (~90°)
Niedersachsen BPO 400 m übernacht ¼ L 2 stumpf
ÖJV Bayern Grosse Fährtenschuhprüfung 1000 m 12 h 250 ml 3
Schweiz AGJ 500 m Fährte · SWPO 2008 ≥ 500 m ≥ 12 h (übernacht) 250 ml † 2 rechtwinklig 15 Mon.
Schweiz AGJ 1000 m Fährte · SWPO 2008 ≥ 1000 m ≥ 18 h 250 ml † 3 (gel.-angepasst) nach 500 m

* Bayern QBPO Modul B: 250 ml mit Tupf-/Tropfmethode oder 100 ml mit Wundfährtenschuh. Zusätzlich werden 6 Verweiserpunkte und 2 Wundbetten verlangt.
† Schweiz AGJ: 2,5 dl (250 ml) Schalenwildschweiss bei Tupf-/Tropfverfahren oder 1 dl (100 ml) bei Fährtenschuh/-stock. Beide Prüfungen werden als reine Riemenarbeit mit mind. 6 m langem Schweissriemen durchgeführt; das Bestehen der 500 m Fährte ist Voraussetzung für die Zulassung zur 1000 m Fährte. Maximal zwei Abrufe (Fehlsuche > 80 m) sind zum Bestehen zulässig.

Wichtig: Brauchbarkeitsprüfungen sind Ländersache und können sich ändern. Bayern hat zum 1. April 2024 die alte BPO 1997 durch die QBPO 2023 abgelöst. In der Schweiz gilt das SWPO 2008 der Arbeitsgemeinschaft für das Jagdhundewesen (AGJ) — die kantonalen Anerkennungen für die Nachsuche können davon abweichen. Prüfe vor jeder Anmeldung die jeweils aktuelle Prüfungsordnung deines Landes-, Kantonal- oder Jagdverbands.

Schweizer Besonderheit: die Vorsuche

Das aktuelle SWPO der AGJ kennt eine Eigenheit, die die Schweizer Prüfung von der deutschen VSwP fundamental unterscheidet: die Vorsuche. Die Richter weisen den Hundeführer an einer markierten Fläche von ca. 30 × 30 m rund um den Anschuss ein. Das Gespann muss selbständig den Beginn der Fährte und den Abgang (die Fluchtrichtung) finden. Erst dann bestätigen die Richter beides.

In der deutschen VSwP wird dem Führer die Fluchtrichtung am Anschuss bekannt gegeben — er marschiert los und der Hund kann sofort spuren. Die Schweizer Vorsuche bildet realitätsnäher den Ernstfall der Nachsuche ab, wo niemand mit Sicherheit weiss, wohin das Stück geflüchtet ist. Findet das Gespann den Fährtenabgang nicht innerhalb von 80 m Fehlsuche oder 15 Minuten, gilt das als ein Abruf — und bei zwei Abrufen ist die Prüfung nicht bestanden. Wer aus Deutschland für die Schweizer Prüfung trainiert, sollte diese ersten 30 × 30 m gezielt üben.

07 Wie TrailDog deine Schweissarbeit unterstützt

TrailDog ist kein Ersatz für jahrelange Riemenerfahrung. Es ist ein Werkzeug, das Unsichtbares sichtbar macht: die Differenz zwischen dem, wo du die Fährte gelegt hast, und dem, wo dein Hund sie ausarbeitet.

  1. Referenzfährte aufzeichnen — du legst die Fährte, drückst „Aufzeichnen", und TrailDog speichert jede Wendung mit GPS-Genauigkeit von rund 5–10 m im Wald.
  2. Marker für jedes Ereignis — Anschuss, Wundbett, Haken, Verweiserpunkt. Mit einem Tap, ohne den Schweissfluss zu unterbrechen.
  3. Korridor-Compliance — nach der Ausarbeitung siehst du, welcher Prozentsatz des Laufs innerhalb deiner definierten Toleranz (z. B. 40 m) zur Referenzfährte lag. Eine Zahl, die du über Wochen vergleichen kannst.
  4. Überlagerung Soll/Ist — beide Fährten auf einer Karte. Du siehst sofort, an welchem Haken dein Hund regelmässig überläuft.
  5. Trendanalyse über Tage und Wochen — wird dein Hund mit zunehmender Stehzeit wirklich besser, oder nur bei trockenem Wetter? TrailDog rechnet es dir vor.
  6. Vollständig offline — OpenStreetMap-Kacheln werden vor der Arbeit zwischengespeichert. Im Bestand ohne Empfang funktioniert die App weiter.

08 Sechs vermeidbare Fehler

  1. Verleitungen zu früh einbauen. Der Junghund verliert das Vertrauen in den Schweissgeruch und beginnt zu raten. Drei Phasen ohne Verleitung sind das Minimum.
  2. Riemen zu locker führen. Der Hund spurt sich frei, hebt die Nase und verliert die Fährtensicherheit. Der Riemen ist immer leicht gespannt, niemals straff.
  3. Fährte unter Wind anlegen. Der Hund arbeitet mit der Witterung statt mit dem Bodengeruch. Bei der Übernachtfährte ist das Ergebnis wertlos.
  4. Belohnung am Ziel zu spät oder zu sparsam. Die Motivation für die nächste Fährte sinkt. Das Stück am Ende muss körperlich erreichbar und „verzehrbar" sein.
  5. Schweissmenge in der Anfangsausbildung zu hoch. Der Hund lernt nicht auf Spurengeruch, sondern auf die Wundbettkonzentration zu fixieren.
  6. Stehzeit zu schnell hochfahren. Der Sprung von 4 h auf 20 h überfordert. Borngräber empfiehlt: Verdopplung pro Trainingseinheit, aber nur bei sicherem Ausarbeiten der vorherigen Stufe.

09 Literatur und Vereine

Standardwerke

  • Hans-Joachim Borngräber: Die Schweißarbeit. Das aktuelle Standardwerk; Borngräber leitete 20 Jahre den Jägerlehrhof Springe. Pflichtlektüre.
  • Bernd Krewer / Hans Reinert: Der Hannoversche Schweißhund. Neumann-Neudamm 2006. Modernes Vereinswerk mit Trainingsteil.
  • Walter Frevert: Die gerechte Führung des Schweisshundes. Der Klassiker — für die historische und philosophische Perspektive.

Vereine und Verbände

  • JGHV — Jagdgebrauchshundverband e.V. Verbindliche Bundes-Prüfungsordnungen (VSwPO 2015, VFsPO 2015).
  • Verein Hirschmann e.V. Zuchtbuch und Ausbildungsführung Hannoverscher Schweisshund, gegründet 1894.
  • Klub für Bayerische Gebirgsschweisshunde 1912 e.V. Alleinige FCI-Zuchtbuchführung BGS, eigene Anlagen- und Hauptprüfungen.
  • Arbeitsgemeinschaft für das Jagdhundewesen (AGJ) / TKJ (Schweiz) — Reglement Schweissprüfungen SWPO 2008 für 500 m und 1000 m Fährte.
  • Landesjagdverband deines Bundeslands bzw. kantonaler Jagdverband in der Schweiz für die jeweils gültige Brauchbarkeits- oder Nachsucheprüfung.

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